Lichter am Strand

1. Juli 2012

Prüfend fasst Sven mit der Hand in seine rechte Hosentasche. Alles klar, das Feuerzeug steckt noch darin! Wo sein Freund Malte und Maltes Opa nur bleiben? Sie wollten doch eine Nachtwanderung unternehmen – durch die Dünen am Strand entlang. Sven hatte alles genau geplant. Irgendwo unterwegs würden sie Pause machen, in den Dünen ein Lagerfeuer entzünden und im zuckenden Licht der Flammen den spannenden Seefahrergeschichten lauschen, die Maltes Opa immer auf Lager hatte. Ungeduldig schaut Sven auf seine Armbanduhr. Die Sonne war untergegangen, es wurde dunkel und merklich kühler.

Da entdeckt er endlich den Lichtkegel einer Taschenlampe, der über den Gehweg tanzt.

„Hallo, da seid ihr ja“, begrüßt Sven die beiden Ankommenden.

„Hallo, Sven. Alles bereit für unser kleines Sommernachtsabenteuer?“, erkundigt sich Maltes Opa fröhlich.

„Ja, klar!“ Was für eine Frage! Svens Hosentaschen quollen fast über. Er hatte Süßigkeiten, Taschenlampe, Taschenmesser und vieles mehr hineingestopft. Und das Feuerzeug natürlich. Aber das war im Moment noch sein Geheimnis, damit wollte er Malte und seinen Opa in den Dünen überraschen.

„Es reicht, wenn wir eine Taschenlampe anschalten“, sagt Maltes Opa.

„Dann wissen wir auch genau, welchem Licht wir folgen sollen“, bemerkt Sven, während der mächtige Lichtstrahl des Leuchtturms über sie hinweghuscht. „Es geht nichts über ein zuverlässiges Licht.“

Der Weg ist nicht weit. Schon bald sind die Nachtwanderer mitten in den Dünen. Es ist still hier draußen. Nur das Rauschen der Wellen, die sanft am Strand auslaufen, dringt durch die Nacht und am nachtblauen Himmel funkeln die Sterne. Schweigend stapfen die drei durch den Sand. Maltes Opa zeigt ihnen kurz darauf eine schöne Stelle. Hier können sie vor dem Wind geschützt im Dünensand sitzen und aufs Meer hinausblicken.

Der Lichtstrahl vom Leuchtturm gleitet über sie hinweg. Für einen kurzen Moment wird ein weißer Pfosten in der Dunkelheit sichtbar. Malte beleuchtet mit der Taschenlampe das Schild, das daran befestigt ist. „Lagerfeuer im Dünenbereich verboten!“, steht in dicken schwarzen Druckbuchstaben darauf.

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„Warum muss eigentlich immer alles verboten sein, was Spaß macht?“, stöhnt Sven. „Ich hatte mir das so toll vorgestellt, beim lodernden Lagerfeuer am Strand!“

„Sei nicht enttäuscht, Sven!“, beginnt Maltes Opa. „Kommt, setzt euch zu mir, dann erzähle ich euch eine Geschichte dazu.“

„Oh ja“, meint Sven.

Opa blickt einen Moment aufmerksam aufs Meer hinaus. Sven und Malte folgen seinem Blick und entdecken die Positionslampen einer Segeljacht, die vor der Insel kreuzt.

„Also, es muss so vor ungefähr 200 oder 250 Jahren gewesen sein, so ganz genau weiß ich das auch nicht“, beginnt Opa. „Damals lebten die Menschen entlang der Küste und auf den Inseln fast alle von der Seefahrt oder dem Fischfang. Das war zu der Zeit eine ziemlich anstrengende und gefährliche Angelegenheit. Es gab noch keine Rettungswesten für die Matrosen, die Schiffe hatten noch keine Motoren, kein Radar und erst recht kein Navigationssystem. Der Kapitän orientierte sich tagsüber an der Sonne und nachts an den Sternen und legte dann mithilfe des Kompasses den genauen Kurs fest, den das Schiff steuern sollte. Mancher von ihnen vertraute sich und sein Schiff darüber hinaus dem Schutz Gottes an und bat ihn um Orientierung und Bewahrung. Viele taten es wohl auch nicht.“

Sven stellt sich vor, wie die Schiffe damals nur mit Hilfe der Sterne navigieren konnten, die zuverlässig und klar durch die Nacht leuchteten. In seiner Bibel hat er sich den Vers 105 in Psalm 119 extra dick unterstrichen, damit er ihn immer schnell wiederfindet: „Dein Wort ist Leuchte meinem Fuß und Licht für meinen Pfad.“

„Du wolltest uns erzählen, warum man kein Feuer in den Dünen anzünden darf“, erinnert Malte seinen Opa.

„Seeräuber“, erwidert Opa flüsternd. Ein kühler Windhauch vom Meer, das Rauschen der Wellen verstärken die Wirkung seiner Worte. Sven bekommt eine Gänsehaut. „Ja, Piraten! Vor ihnen waren besonders die Handelsschiffer immer auf der Hut. Wenn die wendigen, gut bewaffneten Seeräuberschiffe am Horizont auftauchten, gab es meist kein Entrinnen mehr. Aber immerhin war es ein offener Kampf, Mann gegen Mann, Schiff gegen Schiff, bei dem die Räuber selbst Verluste einsteckten.“

Sven konnte sie buchstäblich vor sich sehen, mächtige Schiffe mit geblähten Segeln hart am Wind, verfolgt von Piratenschiffen mit schwarzen oder roten Segeln unter der schrecklichen schwarzen Flagge oben am Mast.

„Die Seeräuber auf den Inseln hatten sich darum eine viel einfachere Methode ausgedacht, um reiche Beute zu machen“, fährt Maltes Opa mit gesenkter Stimme fort. „Aus Seeräubern wurden Strandräuber.“

„Versteh ich nicht“, meint Sven ratlos.

„Sie entzündeten nachts ein Feuer am Strand, um ahnungslose Seeleute in die Irre zu führen. Wenn nun Kapitäne und Steuerleute nachts das Feuer leuchten sahen, hielten sie es für das Licht des Hafens. Froh steuerten sie auf das Licht zu, das ihnen dort scheinbar freundlich durch die Dunkelheit leuchtete. Bis sie ihren Irrtum erkannten, war es meist zu spät und die Schiffe strandeten hilflos auf den Felsen! Die Räuber konnten die Schiffe plündern, ohne entdeckt zu werden.“

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„Sie mussten dafür noch nicht mal mit eigenen Schiffen in See stechen“, meint Malte. „Wirklich clever!“

„Clever?“, fragt Sven. „Ziemlich fies, diese Irrlichter am Strand.“

„Seit dieser Zeit ist es grundsätzlich verboten, Feuer am Strand zu machen, auch wenn es nur ein kleines gemütliches Lagerfeuer ist“, schließt Maltes Opa.

„Das verstehe ich“, sagt Sven und seufzt ein bisschen. Dann schaut er hinauf zu dem starken, zuverlässigen Licht des Leuchtturms, das stetig und gleichmäßig über sie hinweggleitet.

Maltes Opa ist seinem Blick gefolgt. „Gottes Wort ist für uns wie ein mächtiger Leuchtturm, der uns den richtigen Weg für unser Leben zeigen will“, sagt er.